Die Mechanismen des Müssens durchbrechen

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Es braucht eine handfeste Erschöpfungskrise oder
den Zusammenbruch, 
bis jemand bereit ist, sich mit seinen
inneren Treibern auseinanderzusetzen.
Erst dann lauten zentrale Fragen:
Wo stehe ich im Leben?
Welchem Impuls folge ich eigentlich?
Welchen Weg will ich gehen?

 

Achtsamkeit ist nur noch ein Wort. Oder? Je nachdem, wen Sie in diesen Tagen fragen, was Achtsamkeit ist, werden Sie eine andere Antwort erhalten. Einige sagen: eine Art zu meditieren. Andere sehen darin eine Technik zur Selbstoptimierung. Wieder andere winken gleich ganz ab, weil sie erleben, wie ein ursprünglich buddhistischer Impuls für einen bewussteren Lebensstil zerrieben wird zwischen Esoterik-Ideologie und Dalai-Lama-Hysterie, den Eigeninteressen des Marketings und denen einer missionarischen Mindfulness-Szene.

“Die Blüten der Achtsamkeit sind deshalb so bunt, weil sie genährt werden von Zuschreibungen, die nicht stimmen”, sagte Prof. Dr. Götz Mund­le, Lei­ter des Zentrums für See­li­sche Ge­sund­heit – Oberberg City Berlin, im Gespräch für das Handelsblatt. Für den Fach­arzt für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie mit einer Ex­per­ti­se im Be­reich Suchterkrankungen, geht es weder um Ziele, noch darum, dass in meditativer Entrücktheit alles gut wird, oder um den schönen Effekt der Entspannung. Sondern um die Fähigkeit, anders als reflexhaft auf die Welt zu reagieren. “Achtsamkeit heißt wahrzunehmen, was ist. Das bedarf der Übung, das kann schmerzhaft sein.”

Es braucht eine handfeste Erschöpfungskrise oder den Zusammenbruch, bis jemand bereit ist, sich mit seinen inneren Treibern auseinanderzusetzen. Erst dann lauten zentrale Fragen: Wo stehe ich im Leben? Welchem Impuls folge ich eigentlich? Welchen Weg will ich gehen?

Führungskräfte, die an dem Punkt ankommen, haben sich am äußeren, mehr noch am eigenen hohen Leistungsanspruch des erfolgreichen Managers im 21. Jahrhundert verschlissen, “Virtuosen im Umgang mit Komplexität” sein zu müssen, wie es der Wirtschaftswissenschaftler Fredmund Malik mal formuliert hat: “Ein guter Teil ihrer Entlohnung ist nämlich ein Schmerzensgeld dafür, in problembeladenen Situationen lösungsorientiert zu wirken.” Das Ganze bitte recht freundlich. 

 

Die Blüten der Achtsamkeit sind deshalb so bunt, weil sie genährt werden von Zuschreibungen, die nicht stimmen
Götz Mundle


Bis sie diese Dynamik unterbrechen und im Idealfall selbst Hilfe suchen, dauert es. Lange. Denn in den Mechanismen des Müssens ähneln Entscheider den Marathonläufern: Ausgestattet mit hohen Kompetenzen, können sie im Run um Anerkennung viel aushalten, Daueranspannung ebenso wie Schlafmangel oder unangenehme Gefühle und Gedanken. Nun ist es eine Binse, dass für alle und jeden regelmäßiger Rückzug in andere Räume wichtig ist, um im eigenen Tempo einfach nur sein zu können. Wenn aber solche Alternativen fehlen und es eine Bereitschaft für Suchtmittel gibt, sind die Wege heute kurz. Dem Bedürftigen steht eine breite Palette an sogenannten Neuro-Enhancern, vulgo: Leistungsverstärkern, zur Verfügung. Das sind illegale Drogen und meist verordnungspflichtige psychoaktive Substanzen.

Wer sich darauf einlässt und tagsüber die geistigen Höhenflüge befeuert, hellwach bleibt – auch wenn Schlafenszeit ist, wer Angst löst, Stresserleben dämpft, Konzentration und Motivation erhöht, die Stimmung aufhellt, Schmerzen bekämpft, Nervosität und Unruhe abbaut … und abends mit Alkohol und Beruhigungsmitteln abschaltet, steckt mittendrin im Missbrauch.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2015 “Doping am Arbeitsplatz“ konsumieren knapp drei Millionen Beschäftigte neben Kokain und Ecstasy vor allem Psychostimulanzien, Betablocker, Antidepressiva, Opioide. Auch natürliche Stoffe wie Koffein oder frei verkäufliche Pflanzenprodukte wie Ginkgo biloba werden als Neuro-Enhancer verwendet. Etwa 5,1 Prozent von den drei Millionen sind Hochqualifizierte. Die Dunkelziffer gilt als hoch, Substanzmissbrauch verschwindet in allen Firmenhierarchien hinter dem Feigenblatt der Unauffälligkeit.

“Die Sachen werden freilich nicht eingenommen, um eine Diagnose zu behandeln, sei es AD(H)S oder eine Depression”, weiß Franz Horst Wimmer, Kriminalbeamter a.D. aus Fürth, der nach 40 Jahren im Drogenkommissariat jetzt Unternehmen in der Prävention berät. Wimmer weist darauf hin, dass in der Regel ein Bewusstsein für die Nebenwirkungen und Folgen fehle: “Statistiken der letzten Jahre zeigen Milliardenverluste, die Industrie und Wirtschaft durch substanzbedingte Ausfallzeiten, Qualitätseinbußen, aufwendige Straf- und Zivilverfahren verbuchen mussten.” Wenn die Tarnung schließlich auffliegt, weil Führungsverantwortliche selbst oder das Umfeld angesichts von surrealem Verhalten oder einer sich ändernden Persönlichkeit erkennen, dass sie krank sind – dann geschieht der Ausweg individuell, doch immer in mehreren Stufen.

 

Glaub nicht alles, was du denkst


Achtsamkeit wirkt da geradezu bescheiden im Verhältnis zur Wucht der Problematik. Der Schein trügt, da sie inzwischen als “isoliertes Instrument missbraucht wird“, betont Mundle, “und doch eingebettet gehört in eine Lebensführung, welche die Fähigkeit stärkt, gut mit sich und anderen umzugehen. Dazu gehört es, sich anzuschauen als ein Mensch mit Licht- und Schattenseiten, mit Erfolg und Scheitern, mit Lust und Leid.”

Der erste Schritt ist jenes weltanschaulich neutrale Training zum Stressabbau von Jon Kabat-Zinn. Ab Ende 1979 hat der Molekularbiologe, Verhaltensmediziner und Meditationslehrer die Mindfulness Based Stress Reduction, kurz: MBSR, an der University of Massachusetts entwickelt und wissenschaftlich seriös verankert. Zunächst ergänzend zu klinischen Behandlungen für chronisch Kranke, speziell Schmerzpatienten. MBSR funktioniert, indem innerhalb von acht Wochen die Teilnehmer einmal wöchentlich 2,5 Stunden Selbstwahrnehmung und Konzentration in der Stille üben. Zu jeder Zeit wird der Atmung, der Kunst des Lassens und dem wertschätzenden Erfahrungsaustausch große Bedeutung beigemessen, auch zwischen den Treffen.

“Glaub nicht alles, was Du denkst”, heißt ein zentraler Satz im MBSR. Gemeint ist, dass wir Abstand nehmen vom „inneren Geschwätz“ und nichts, rein gar nichts beurteilen, etwa in der Meditation. Diese und andere Übungen werden im Sitzen und Stehen, Liegen und Gehen durchgeführt. Der Fokus liegt darauf, Kopf und Körper „leer zu machen” und den Blick zu klären – um sich neu und besser auszurichten, um die persönlichen Fähigkeiten in Einklang zu bringen mit Werten und Wünschen.

Inzwischen ist das Programm tausendfach untersucht. Studien zeigen die Wirkungen aufs Gehirn und Immunsystem; auf die Möglichkeiten, kraftvoll ein psychisches und körperliches Wohlbefinden bei Erschöpfung, Angst und Panik herbeizuführen. Spezielle Varianten bedienen die Depressionen, das Suchtverhalten, Krisen bei Krebs. Außerdem wird es in der ganzheitlichen Vor- und Nachsorge angewendet.

 

Sich bewusst und ruhig dem zuwenden, was uns herausfordert

 

Historisch ist die Schulung der Achtsamkeit eine Schulung des Geistes, um Kompetenzen zu entwickeln, die das Leben erleichtern – vor allem, wenn es wieder verrückt spielt. Mitgefühl und Widerstandskraft zum Beispiel. “Sich bewusst und ruhig dem zuzuwenden, was uns herausfordert und leiden lässt, ist die Lernaufgabe der Achtsamkeit”, schreibt Kabat-Zinn in einem seiner Bücher. “Sie regt dazu an, das eigene Handeln zu hinterfragen, indem sie Muster durchbricht, die Menschen sonst in einer Abwärtsspirale gefangen halten.”

Diese Spirale in Firmen mit einer Kultur der Sensibilität zu durchbrechen, ist dem Referenten und Buchautor Wimmer ein Anliegen. “Im Kontext zu suchterzeugenden Substanzen gibt es eine ebenso große Bagatellisierung wie ein großes Schweigen, und selten Kontrollen, um frühzeitig Auffälligkeiten zu erkennen – auf allen Firmenebenen.” Wesentlich wäre die Frage nach der richtigen Reaktion und professionellen Intervention. Das setze ein Basiswissen in dem Themenspektrum voraus und betriebliche Angebote, die bei der Vorbeugung ansetzen. Wimmers Erfahrung: “Führungspersonal, das hier blockiert, hat oftmals das Problem, dass es keine schlafenden Hunde wecken will.”

Etwas stimmt nicht. Slow.Flow.Glueck weist neue Wege. 

 

Wir sprechen oft großspurig von der Flexibilität des Denkens. Wir wissen aber gar nicht, dass viele unserer Wissenskonstruktionen blockiert werden durch alte reproduktive Muster, durch Kopfbewohner-Botschaften, die davor warnen, neue, ungewohnte oder tabu-verletzende Konstruktionen zu wagen.
Matthias Varga von Kibéd

 

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