Kunst des Lassens | 1 Schmerz

Kleines Brevier ewig aktueller Themen aus Medizin, Gesundheit, Praxis-Tag. 

Ändert der Mensch sein Verhalten, ändert sich auch sein Schmerz. Für PD Dr. Regine Klinger besteht daran kein Zweifel. Die Psychologische Leiterin des Bereichs Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie am Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg (UKE), hat auf einem Kongress jeden Körperschmerz auch als Seelenschmerz bezeichnet: “Wenn wir Schmerzen haben, ist das ganze Gehirn damit beschäftigt, das gilt auch für den akuten Schmerz. Eine große Rolle hierbei spielen Faktoren wie Aufmerksamkeit, Ãngste und individuelle Verarbeitungsprozesse.” <1>

Das ist zwar einige Jahre her, es hat sich aber nichts geändert. Um aus diesem Kreislauf auszusteigen, gilt es laut Klinger, Verhaltens- und Empfindungsmuster im Gehirn bzw. Gedächtnisspuren zu durchbrechen. Besonders wichtig sei Prävention: Der Patient solle bei seiner Selbstverantwortung gepackt und motiviert werden, konkret etwas zu tun, um seine Schmerzen erträglicher zu machen.

Mit diesem Zungenschlag ist die Expertin in guter Gesellschaft. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Thema Schmerz als Folge von Stress erfährt, führt nach Ansicht anderer Leute vom Fach mehr und mehr dazu, dass Menschen Probleme mit Magen, Darm, Rücken, Kopf, Schulter oder Nacken zu schnell als Ausdruck einer Erkrankung wahrnehmen.

„Gerade der Rücken ist bekanntermaßen der beliebteste Austragungsort für Fehlbelastungen, Fehlhaltungen und Anspannungen aller Art. Doch nicht jeder Schmerz ist als Krankheit zu werten“, sagte auf demselben Kongress Prof. Dr. Arne May, stellvertretender Direktor des Instituts für Systemische Neurowissenschaften und Leiter der Kopfschmerzambulanz am UKE.<2>

 

Schmerz, insbesondere Rückenschmerz, hat in unserer Gesellschaft einen enormen Wert, er ist allgegenwärtig. Wir müssten das genaue Gegenteil machen: Eine Gesellschaft, in der Schmerz keinen Wert hat, wird wenig chronische Patienten haben.
Arne May

 

Ohne Frage ist eine sorgfältige Abklärung notwendig, um jeglicher Problematik angemessen zu begegnen und zu entscheiden, ob und welche Art von professioneller Unterstützung individuell benötigt wird. In erster Linie aber sollte es darum gehen, dass der Einzelne aktiv und möglichst selbstbestimmt sein Leben gestaltet.

Befindlichkeiten sollten nicht pathologisiert, Menschen nicht unnötig zu Patienten gemacht werden. Dann gibt es auch weniger Drahtseilakte zwischen überflüssiger Medikamentenversorgung und notwendiger ganzheitlicher Therapie.

Nun kann es durchaus sein, dass Interessen jeglicher Art entprechende Bemühungen konterkarieren. Unter den Stichworten “Moden in der Medizin”, neudeutsch: “Disease-Mongering”, werden normale Prozesse des Lebens gern mal als medizinisches Problem definiert (z. B. Trauer), neue Krankheitsbilder durch Maßnahmen von Pharmaindustrie, Interessenverbänden und PR geradezu erfunden (z. B. Wechseljahre des Mannes), Symptome zu Vorboten schwerer Leiden stilisiert (z. B. leichter Bluthochdruck) und Risiken als Krankheit verkauft. <3>

Eine unabhängige kompetente Empfehlung zur “Kunst des Weglassens” kann deshalb die Suche nach individuell passenden Strategien unterstützen. Solche Strategien – auch gegen die Angst vor der Angst vor Krankheit – können Entspannungsverfahren ebenso sein wie sanfte Bewegungsübungen, ein systematisches Muskelkrafttraining ebenso wie eine selbstbestimmte straffe Strukturierung des Alltags – der sich scheinbar immer weniger bewältigen lässt – oder Achtsamkeitsmeditationen zur gezielten Stressregulation.

Achtsamkeitsmeditationen dämpfen die Schmerzintensität

“Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen werden seit vielen Jahren auf Evidenz untersucht, sie können helfen, Schmerzen zu lindern und Ängste und Depressionen abzubauen,“ lautet das Kernergebnis einer Metaanalyse an der Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore. <4>

Achtsamkeitsmeditation ist bewusste Tiefenentspannung, bei der die Konzentration nach innen auf einen sich wiederholenden Vorgang gerichtet ist, sei es auf die Atmung, ein Wort, einen Satz oder Spruch. Der Fokus auf solche Wiederholungen ist dabei nur ein Hilfsmittel, um das Nervensystem zu beruhigen, den Kopf vom „inneren Geschwätz“ und negativen Gedanken/Gefühlen respektive den Körper von Spannungen zu befreien und so in einen Zustand der völligen Ruhe zu gelangen.

Das will geübt sein. Die Kunst besteht darin, im täglichen Strom der Ereignisse oder wenn das Leben mal wieder verrückt spielt, regelmäßig eine kurze Zeit am Stück innezuhalten, sich einfach eine Weile allein hinzusetzen, still zu sein und die Gedanken, Sorgen, Verlangen, Leiden und sämtliche andere Bewusstseinszustände erst zu akzeptieren und dann nicht wertend loszulassen.

Wie dieses Erlebnis Schmerzen beeinflussen kann, hat ein Forscherteam des Wake Forest Baptist Medical Center in Winston-Salem/North Carolina im Jahr 2o15 untersucht: 2o Minuten Achtsamkeitsmeditation an vier Tagen hintereinander wirken in jenen Hirnregionen, die mit der Kontrolle von Schmerz, der Steuerung von Emotionen und einer Aktivierung von Empfindungsprozessen einhergehen. <5> Die Schmerzstärke lässt sich deutlich dämpfen, ebenso die dadurch ausgelösten Beeinträchtigungen.

Ähnliches gilt laut Studie auch für die Pseudo-Achtsamkeitsmeditation, wenngleich in geringerem Ausmaß: „Wenn Teilnehmer nur denken, sie meditieren, weil sie tief atmen und eine definierte Körperhaltung einnehmen, und trotzdem weniger Schmerzen empfinden, öffnet uns dies natürlich eine weitere Tür zu besseren Behandlungsmöglichkeiten,” heißt es in der Studie.

Bis dahin empfehlen die Wissenschaftler Achtsamkeitsmeditationen als sinnvolle Ergänzung zu Schmerzmitteln, um diese und deren Kosten einzusparen.

Und wir empfehlen Slow.Flow.Glueck: drei, vier oder sechs Tage in der heilsamen Atmosphäre des Mecklenburger Gutshauses Ludorf, Wesselstorf oder Groß Toitin. Tägliche Achtsamkeitsmeditationen sind fester Bestandteil des
exklusiven Entschleunigungsprogramms. 

 

 

QUELLEN

1 Deutscher Schmerzkongress 2013. 23. bis 26. Oktober 2013, Hamburg. Eröffnungspressekonferenz, 23. Oktober 2013

2 Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft: Expertenforum, Universität Rostock, UniversitätsmedizinZentrum für Nervenheilkunde, Rostock, 4. März 2o15

3 Alte Probleme – Neue Krankheiten: Überflüssige Medikalisierung oder notwendige Therapie? Forum Bioethik des Deutschen Ethikrats. Berlin, 25. Februar 2o15

4 Goyal M et al: JAMA Intern Med 2014; 174(3): 357-368
DOI: 10.1001/jamainternmed.2013.13018

5 Zeidan F et al: J Neurosci 2015: 35 (46) 15307-15325
DOI: https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.2542-15.2015

 

ZUM THEMA

Klahre AS: Den Schmerz entwerten. SecondaVita Prævention o3/2o15

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