Dünne Haut, Risse in der Seele

Vergiss Deine perfekte Darbietung.
In allem ist ein Riss, das ist die Stelle,
durch die das Licht hineinkommt
Leonard Cohen

Jeder Hausarzt sitzt täglich mindestens einem Patienten mit Depression gegenüber – und merkt es meist nicht. Nur einer von vier Patienten erhält zumindest ein kurzes Erstgespräch mit dem Hausarzt. Wenn eine psychische Störung erkannt wird, warten Patienten der Gesetzlichen Krankenversicherungen derzeit mehr als drei Monate auf einen Therapieplatz.

Die therapeutischen Optionen erlauben heute eine breite Palette an wirksamen Maßnahmen, die ab mittlerem Schweregrad stets aus der Kombination von Psychotherapie, Psychopharmaka und psychosozialen Therapien bestehen. Allerdings gibt es „alarmierende“ Versorgungsdefizite und große regionale Unterschiede. Drei von vier Patienten mit schweren Depressionen erhalten keine den aktuellen Behandlungsleitlinien entsprechende Therapie. Oftmals verläuft die Behandlung zu einseitig und entspricht nicht den Empfehlungen.<1>

Nicht zuletzt gilt für die Medikation mit „modernen“ nebenwirkungsarmen Antidepressiva – die darauf ausgerichtet sind, im Gehirn das Ungleichgewicht in der Anzahl von Nervenbotenstoffen wie Serotonin zu korrigieren – noch immer das Prinzip trial and error. Und das seit nunmehr etwa 20 Jahren.

Allgemein gelten Patienten als therapieresistent, die nach frustranen Behandlungsversuchen mit zwei Antidepressiva in adäquater Dosierung über jeweils etwa acht Wochen nicht wie gewünscht reagieren. Davon gibt es nicht wenige; eine gegebenenfalls akute Suizidalität bleibt bestehen.

„Letztlich hat jede Depression genauso einen biologischen Hintergrund wie Krebs- oder Herzerkrankungen, hier müssen die molekularen Grundlagen nur erst noch entschlüsselt werden. Das hat sich als wesentlich schwieriger herausgestellt, als wir alle noch vor ein paar Jahrzehnten dachten,“ lautet ein Hinweis von Prof. Eric J. Nestler, Psychiater und Neurowissenschaftler am renommierten Mount Sinai Medical Center in New York City. <2>

Unfähigkeit zur Freude

Depressionen haben viele Gesichter und machen es nicht einfach, sie als eigenständige Krankheitsbilder festzustellen. Im Vordergrund stehen verschiedenste Beschwerden wie Kopf-, Herz-, Magen- und Rückenschmerzen, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen.

Es gibt Menschen, die wirken überaus aktiv, verfolgen nahezu fanatisch berufliche, sportliche oder kulturelle Interessen. Präsentieren sich bei allem, was sie tun, locker und fröhlich, charmant und redegewandt. Andere wirken nervös, angespannt und innerlich getrieben; sie können plötzlich stark erregt sein oder Anfälle von panischer Angst bekommen.

Ob mit oder ohne manische Symptome, an ihrem Tiefpunkt angekommen, eint alle eines: Depressiv Erkrankte sind in ihrer seelischen und körperlichen Gesamtheit zutiefst getroffen, ohne dass die Ursachen immer fass- oder erklärbar wären. Per definitionem finden fundamentale Veränderungen im Verhalten, Erleben und in der körperlichen Vitalität statt, die länger als zwei Wochen die gesamte Wahrnehmung und alle Handlungen überschatten.

Im Verlauf der häufigsten Form der affektiven Störungen, der unipolaren Depression (Major Depression oder dysthyme Störung), wird praktisch jede Aktion von einer alles beherrschenden Stimmung diktiert. Gefühle der zutiefsten Traurig- und Trostlosigkeit, der Hoffnungs- und Hilflosigkeit bestehen annähernd jeden Tag und für die meiste Zeit des Tages.

Interessenverlust und die völlige Unfähigkeit zur Freude sind Kernaspekte für die Diagnose. Das bedeutet praktisch: Ein vorher umtriebiger Mensch kann seine Arbeit nicht mehr bewältigen; blockt alles ab, was bisher mit Lust und Genuss verbunden war, wird bewegungsarm, ruhig bis einsilbig – und zieht sich ins Bett zurück. Statt nachzudenken muss er grübeln. Statt sich zu erholen, ermüdet er durch ständige Zweifel an sich und der Welt. Hinzu kommen Appetit- und Schlaflosigkeit oder das Bedürfnis nach „Dauerschlaf“.

Schwer Erkrankte reagieren und sprechen nur sehr zögernd, antworten nicht auf gestellte Fragen, Gestik und Mimik wirken starr. Sie können nicht einmal mehr weinen, sie empfinden eine unendliche innere Leere.

Auf Familie und Freunde kann sich eine Depression verheerend auswirken. Viele stimmt die Hilflosigkeit des Kranken wütend und gereizt. Denn sie ahnen nichts von dem, was er erträgt.

 

Bei der Depression atmet die Seele
durch den Körper

António R. Damásio
Verpflechtungen entwirren

Um eine Depression zu verstehen, sollten die engen Verpflechtungen zwischen Körper und Kopf – zwischen Neurotransmitterstörungen, erlernten Verhaltensmustern, Lebenserfahrungen, Lebensbedingungen und Lebensgeschichte entwirrt werden. Der portugiesische Neurologe und Psychologe Prof. António R. Damásio, University of Southern California, hat es vor langer Zeit so zusammengefasst: „Bei der Depression atmet die Seele durch den Körper.“

Entscheidend ist das Zusammenspiel von biologischen und sozialen Mechanismen, die Megafaktoren heißen Vulnerabilität – Verletzbarkeit der Psyche – und Stress: Im Zusammenspiel von sozialen und biologischen Mechanismen kommt es zu Störungen in verschiedenen neuronalen Netzwerken.

Vulnerabilität lässt sich auch mit Dünnhäutigkeit übersetzen: Die Haut wird durchlässig, die Seele empfindsam, die Stressverarbeitung gestört. Die Zusammenhänge werden in der Psychiatrie unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst.

Äußere Ereignisse

Auslöser im Allgemeinen sind zumeist äußere Ereignisse – Situationen, in denen sich Aufgaben, Inhalte, Ziele ändern: unerfüllte Liebe, Familienkonflikte, Scheidung, Berufsstress, Arbeitslosigkeit und in der Folge soziale Isolation, Einsamkeit.

Im Besonderen sind die Lebenssituationen, in denen Depressionen gehäuft auftreten, je nach Geschlecht unterschiedlich. Während Frauen häufig im Rahmen von Belastungen im sozialen Umfeld und engen Beziehungen erkranken,
reagieren Männer eher auf reale oder phantasierte Bedrohung ihres Status.<3>

Die „typischen“ männlichen Patienten sind die im Beruf oder finanziell unter Druck Geratenen: Diese Männer empfinden begrenzte berufliche Aufstiegschancen, eine Entlassung, den Renteneintritt oder eine Scheidung als persönliche Kränkung. Es mangelt ihnen an der Fähigkeit, mit negativen Gefühlen adäquat umzugehen.

In einigen Fällen lassen sich organische Ursachen festmachen: Stoffwechselkrankheiten (Diabetes), degenerative
Erkrankungen (Demenz), Vergiftungen oder Drogenmissbrauch.

„Viele Menschen wissen einfach nicht mehr, wozu sie da sind,“ hat der Theologe und Existenzanalytiker Prof. Dr. Uwe Böschemeyer, Lüneburg, festgestellt.<4> „Das Leben ist zu vielfältig geworden um es zu überschauen. Es überbeansprucht die Menschen. Diese Überbeanspruchung führt zu einem Verlust an Tiefe.“

Depressionen gelten eher als weibliche Erkrankung mit einem Verhältnis 2 bis 3 Frauen zu einem Mann.<5> Doch Männer leiden unter seelischen Belastungen genauso wie Frauen. Nur sprechen sie nicht darüber und nehmen deutlich seltener Hilfe in Anspruch. Wahrscheinlich sind Depressionen bei Männern stark unterdiagnostiziert.

Männer scheinen Depressionen anders zu bewältigen, sie verbergen sie eher hinter Beschreibungen wie „Persönlichkeitsproblem“ oder „Ich trinke im Moment zu viel“. Interessant ist ein Blick in Kulturkreise, in denen Alkohol verpönt ist: Dort sind Männer und Frauen gleich oft depressiv.

 

Viele Menschen wissen einfach nicht mehr,
wozu sie da sind

Uwe Böschemeyer
Achtsamkeit, Bewegung, Ernährung als wichtige Elemente

Viele Studien belegen, dass die Praxis der Achtsamkeit eine wichtige Alternative zur Medikation bei einer Depression sein kann oder untertützend wirken kann. 

Das Konzept ist in der westlichen Welt ausgiebig wissenschaftlich untersucht worden und hat sich als kraftvoller, wirksamer Weg erwiesen, psychisches und körperliches Wohlbefinden herbeizuführen. Die in die Medizin implementierte Methode der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduduction, MBSR) wird mit Erfolg angewandt, um Menschen mit akuten und chronischen Schmerzen, Depressionen, Angstzuständen, Stresssyndromen und Suchtverhalten zu helfen.

Achtsamkeit ist gleichsam einer der Wege, wie wir die Plastizität unseres Gehirns vorteilhaft zur Stärkung unserer emotionalen Widerstandskraft, der Resilienz, einsetzen können.

In jüngerer Zeit wurde festgestellt, dass die Praxis der Achtsamkeit besonders förderlich ist, wenn es darum geht, das Rückfallrisiko bei depressionsanfälligen Menschen zu verringern. 

Achtsamkeit funktioniert, indem sie dazu anregt, das eigene Handeln zu hinterfragen und indem sie Muster durchbricht – den konditionierten Zyklus der Gedanken, Gefühle, Empfindungen und damit des Verhaltens, der die Menschen sonst in einer Abwärtsspirale gefangen hält.

Hinsichtlich sportlicher Aktivitäten gilt: Mit Ausnahme von palliativ behandelten Erkrankungen gibt es keine
Diagnose, die sich mit Bewegung – und einer bedarfsgerechten Ernährung – nicht dramatisch verbessern, deren Verlauf sich nicht positiv verändern ließe. Das ist auch für die Therapie von Depressionen seit langem bekannt.

Welche Sportart(en) individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden. Allgemein aber wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und Yoga zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Walking, leichtem Lauftraining, Radfahren, Wandern, Golf, Aquafitness.

Im Programm Slow.Flow.Glueck erhalten die Teilnehmer außerdem Informationen, wie sie langfristig ihr Training sinnvoll selbst gestalten können.

 

 

Quellen

1 DGPPN: Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen – neue Versorgungsansätze unverzichtbar.
Pressestatement Nr. 2 | 28.01.2015

2 Ledford, Heidi: Nature 2o14. 515: 182-184. DOI: 10.1038/515182a

3 Medizinisch-Psychosomatische Klinik Bad Arolsen/Schön Kliniken;
Presseinformation, 18.11.2009

4 Hörbst G, Leben auf der Überholspur. HA, 10/2000

5 Wolfersdorf M et al., Blickpunkt der Mann 2009; 7(4): 8-14

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