In der Stressfalle: 1o Signale

 

 

Vom Job zum Sport zum Elternabend in die Elbphilharmonie: Der kürzere Begriff dafür lautet Freizeitstress. Die Anforderungen im Beruf gehen nahtlos über in ein selbst geschaffenes Korsett privater Termine, ohne Möglichkeit zum Durchatmen. Auf Dauer blockiert ein solcher Rhythmus den Zugang zum Innersten. Es verzerren sich Wahrnehmungen und Bewertungen, Aufhörimpulse werden unterdrückt.

Mit Binsen wie „Weniger ist mehr“ geht man allenfalls ironisch um, denkt insgeheim: „Ein paar Tage Urlaub, und mir geht es wieder gut“ oder projiziert entstehende negative Gefühle in unbedeutende Randsituationen. Eine
solche Verleugnung kann sich in einer Diagnose manifestieren und/oder in einem Zusammenbruch münden.

Coolness, Cleverness, Happiness

Schon immer haben Menschen Rituale entwickelt, um Stressgefühle kontrollieren zu können. Drei zeitgemäße Rituale sind nach Ansicht des Schweizer Psychiaters Prof. Dr. Claus Buddeberg Coolness, Cleverness und Happiness:〈1〉

ç   Coolness verhüllt und verdichtet Gefühle
ç   Cleverness verleugnet Kränkungen
ç   Happiness soll die Einsamkeit besiegen

Solche Strategien nützen letztlich wenig, wenn es schließlich in der einen oder anderen Form knallt. Welche der folgenden Signale kennen Sie aus früherer Erfahrung oder sind Ihnen aktuell vertraut?〈2〉

  1. Ich kann schlecht einschlafen.
  2. Wenn ich einschlafe, kann ich nicht durchschlafen.
  3. Wenn ich mich am Tag über etwas aufgeregt habe, grüble ich noch lang darüber.
  4. In letzter Zeit kann ich mich über nichts mehr freuen.
  5. Meist fühle ich mich müde und schwunglos.
  6. Manchmal muss ich so viele Dinge erledigen, dass ich nicht mehr weiß, wie ich alles schaffen soll, wenn nur eine Kleinigkeit länger dauert. 
  7. Wenn ich abends nach Hause komme, kann ich mich zu nichts mehr aufraffen und hänge nur noch vor dem Fernseher.
  8. Manchmal bin ich so erschöpft, dass ich das Gefühl habe, mir tut alles weh.
  9. Manchmal komme ich vor lauter Zeitdruck nicht dazu durchzuatmen.
  10. In letzter Zeit habe ich keine Zeit mehr für Hobbies.

Die farblich markierten Aussagen sind auch Aussagen von Depressiven. Daher: Gestehen Sie sich die Erschöpfung durch Überforderung ein und versuchen Sie, den Teufelskreis zu durchbrechen. Wie? Durch gute Gespräche mit einem Menschen Ihres Vertrauens.

Und: durch Innehalten. 

Wie wichtig Momente sind, in denen wir innehalten, zeigt sich immer dann, wenn wir abseits von Aktivitäten – oder Aktionismus – und vielen Leuten zur Ruhe kommen.

Solche Momente der Stille dienen der Psychohygiene – der Selbstreflexion und Entspannung, sie bringen uns unbeeinflusst von Meinungen anderer uns selbst näher. Die Art und Weise, ob und wie wir uns beschäftigen, ob wir uns selbst mögen und akzeptieren, ist wichtig für die Gesundheit, da viele Störungen und Erkrankungen durch negative bis destruktive Gedanken und Gefühle entstehen, aufrecht erhalten oder gefördert werden.

Wer sich von Zeit zu Zeit zurückzieht und einige Stunden oder auch Tage die Abgeschiedenheit sucht, kann konzentriert Gedanken sammeln, an einem Problem oder einer Aufgabe arbeiten oder in „ruhiger Wachheit“ abwarten, bis sich Erkenntnisse von selbst einstellen.

Solche inneren Selbstgespräche können gut begleitet werden von Fasten, Büchern, Musik. Andere gehen in grandiosen Landschaften, malen, fotografieren oder folgen dem Glueck :). Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Je ruhiger und harmonischer indes die Umgebung ist, umso besser. Ein Ergebnis solcher Erfahrungen ist mehr Kraft und Klarheit.

 

Weihnachten in Comicland/ Donald Duck
Ein bisschen Scrooge muss sein. Dagobert Ducks erster Auftritt 1947

 

 

Quellen

1 Buddeberg C: Praxis 1998. (87): 727-737

2 Mind|Body Medicine Summer School, Harvard 2oo7: Neurobiology of the stress response

Zum Thema

Klahre, AS: Im Fokus: Das kranke Gehirn. alldieschoenenworte.de 2o15

Was ist Meditation?

„Je nachdem, wen Sie fragen, was Meditation ist oder wozu man meditiert, werden Sie eine andere Antwort erhalten. Einige sagen: Meditation ist Nichtstun, zumindest sieht es so aus. Für andere ist Meditation keine Technik, sondern eine Art zu sein,“ schreibt Prof. em. Jon Kabat-Zinn, Molekularbiologe, Stressforscher, Verhaltensmediziner und Meditationslehrer in Massachusetts.<1>

Das in Religionen verankerte spirituelle Prinzip gehört mittlerweile auch hierzulande zum Zeitgeist. Verpackt in Programme wie „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) oder „Mindfulness-Based Cognitive Therapy“ (MBCT) wird die Achtsamkeitsbasierte Meditation in Universitätskliniken, Krankenhäusern und Gesundheitszentren gelehrt.

Für Kabat-Zinn ist Meditation und insbesondere die Achtsamkeitsmeditation eine weitere Form des Selbstgesprächs. „Sie können Ihr Innerstes aufschließen und einen Bewusstseinszustand … erreichen, den die alten chinesischen Daoisten das offene, wache Nichtstun nennen.“

Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz

Grundelemente der Achtsamkeit sind Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz, Großzügigkeit – archaische Werte, die zunehmend wie aus einer anderen Welt anmuten.

Ende 1970 hat Kabat-Zinn begonnen, die Wirkungen der Achtsamkeitsmeditation bei chronisch Kranken zu untersuchen. Seit 1995 wird sein MBSR-Programm an dem von ihm gegründeten Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society (CFM) an der University of Massachusetts begleitend zu medizinischen und psychotherapeutischen Maßnahmen eingesetzt, um Menschen zu helfen, besser mit chronischem Stress, Depression und Angststörungen umgehen zu können.

MBSR fördert vor allem die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, die Hinwendung zu Herausforderungen und Schmerzen.

Achtsamkeits- und Transzendentale Meditationsformen sind Methoden der bewussten Tiefenentspannung, bei der die Konzentration nach innen auf einen sich wiederholenden Vorgang gerichtet ist, sei es auf die Atmung, ein Wort, einen Satz oder Spruch. Der Fokus auf solche Wiederholungen ist dabei nur ein Hilfsmittel, um das Nervensystem zu beruhigen, den Kopf vom „inneren Geschwätz“ und negativen Gedanken/Gefühlen respektive den Körper von Spannungen zu befreien und so in einen Zustand der völligen Ruhe zu gelangen.

Innehalten, wenn das Leben mal wieder verrückt spielt

„Das ist harte Arbeit,“ so Kabat-Zinn, denn es sei nicht einfach, im täglichen Strom der Ereignisse oder wenn das Leben mal wieder verrückt spielt, regelmäßig auch nur eine kurze Zeit am Stück innezuhalten, sich einfach nur eine Weile allein hinzusetzen, still zu sein und die Gedanken, Sorgen, Verlangen, Leiden und sämtliche andere Bewusstseinszustände erst zu akzeptieren und dann nicht wertend loszulassen.

„Sei leer, sei still. Beobachte einfach, wie alles kommt und geht“, hat es der chinesische Philosoph Laotse (6 Jh. v. Chr.) formuliert.

Diese innere Ausrichtung wird in der Psychotherapie manchmal als „radikale Akzeptanz“ bezeichnet. Sie zu erreichen ist nicht einfach, besonders wenn das, was geschieht, nicht unseren allgegenwärtigen Erwartungen, Wünschen und Phantasien entspricht.

Deshalb, so Kabat-Zinn, ist Meditation nichts für Feiglinge: „Meditieren ist nicht das, was Sie denken. Es geht weder darum, einen Schalter umzulegen und sich irgendwohin zu katapultieren, noch bestimmte Gedanken zu pflegen und andere zu vermeiden oder gar darum, sich zum Friedlich- oder Entspanntsein zu zwingen. Es geht überhaupt nicht ums Denken. Es geht darum, einfach zu sein. Es geht um das Nicht-Festhalten und daraus folgend um die Bereitschaft, unter allen auftretenden Umständen angemessen zu handeln.“

Gegen Ängste, Depressionen und Schmerzen

MBSR wird seit vielen Jahren regelmäßig auf Evidenz untersucht. „Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen und Schmerzen zu lindern,“ lautete das Kernergebnis einer Metaanalyse an der Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore.<2>

Eine geringe Wirksamkeit haben die Autoren auch auf die allgemeine Bewältigung von Stress und die Lebensqualität ermittelt.

Die Expertise des Meditationslehrers

In einem Gastkommentar zu der Studie beschäftigten Prof. Allan H. Goroll, Harvard Medical School und Massachusetts General Hospital, noch andere Aspekte: „Warum sind Meditation im Besonderen und komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft? Ist es der Wunsch, einen Alltag wieder selbstbestimmt strukturieren und kontrollieren zu können, der sich scheinbar immer weniger bewältigen lässt?“

Goroll hielt es für wichtig, solide wissenschaftliche Metaanalysen wie die vorliegende einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und zum Gegenstand von Gesprächen zwischen Ärzten und jenen Patienten zu machen, die begeistert und unkritisch ungeprüfte komplementäre Maßnahmen in ihren Alltag und die Behandlung ihrer Krankheiten integrieren wollen.

Die Autoren der Studie wiederum betonen die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen, die vor allem drei Faktoren überprüfen sollten:

ς   die Expertise des Meditationslehrers
ς   den zeitlichen Übungsumfang
ς   die Umsetzungsmöglichkeiten in den Alltag

Davon hänge der Erfolg der Achtsamkeitsmeditation ebenso ab wie von Sozialstatus, Bildung und Spiritualität.

„Historisch ist Meditation nun mal keine Therapie bei Gesundheitsproblemen, sondern eine Schulung des Geistes, um einen Bewusstseinszustand der völligen Ruhe zu erreichen,“ so die Autoren.

 

 

Quellen

1 Kabat-Zinn J: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Arbor Verlag 2006

2 Goyal M et al: JAMA Intern Med 2014; 174(3): 357-368
DOI: 10.1001/jamainternmed.2013.13018

Dünne Haut, Risse in der Seele

Vergiss Deine perfekte Darbietung.
In allem ist ein Riss, das ist die Stelle,
durch die das Licht hineinkommt
Leonard Cohen

Jeder Hausarzt sitzt täglich mindestens einem Patienten mit Depression gegenüber – und merkt es meist nicht. Nur einer von vier Patienten erhält zumindest ein kurzes Erstgespräch mit dem Hausarzt. Wenn eine psychische Störung erkannt wird, warten Patienten der Gesetzlichen Krankenversicherungen derzeit mehr als drei Monate auf einen Therapieplatz.

Die therapeutischen Optionen erlauben heute eine breite Palette an wirksamen Maßnahmen, die ab mittlerem Schweregrad stets aus der Kombination von Psychotherapie, Psychopharmaka und psychosozialen Therapien bestehen. Allerdings gibt es „alarmierende“ Versorgungsdefizite und große regionale Unterschiede. Drei von vier Patienten mit schweren Depressionen erhalten keine den aktuellen Behandlungsleitlinien entsprechende Therapie. Oftmals verläuft die Behandlung zu einseitig und entspricht nicht den Empfehlungen.<1>

Nicht zuletzt gilt für die Medikation mit „modernen“ nebenwirkungsarmen Antidepressiva – die darauf ausgerichtet sind, im Gehirn das Ungleichgewicht in der Anzahl von Nervenbotenstoffen wie Serotonin zu korrigieren – noch immer das Prinzip trial and error. Und das seit nunmehr etwa 20 Jahren.

Allgemein gelten Patienten als therapieresistent, die nach frustranen Behandlungsversuchen mit zwei Antidepressiva in adäquater Dosierung über jeweils etwa acht Wochen nicht wie gewünscht reagieren. Davon gibt es nicht wenige; eine gegebenenfalls akute Suizidalität bleibt bestehen.

„Letztlich hat jede Depression genauso einen biologischen Hintergrund wie Krebs- oder Herzerkrankungen, hier müssen die molekularen Grundlagen nur erst noch entschlüsselt werden. Das hat sich als wesentlich schwieriger herausgestellt, als wir alle noch vor ein paar Jahrzehnten dachten,“ lautet ein Hinweis von Prof. Eric J. Nestler, Psychiater und Neurowissenschaftler am renommierten Mount Sinai Medical Center in New York City. <2>

Unfähigkeit zur Freude

Depressionen haben viele Gesichter und machen es nicht einfach, sie als eigenständige Krankheitsbilder festzustellen. Im Vordergrund stehen verschiedenste Beschwerden wie Kopf-, Herz-, Magen- und Rückenschmerzen, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen.

Es gibt Menschen, die wirken überaus aktiv, verfolgen nahezu fanatisch berufliche, sportliche oder kulturelle Interessen. Präsentieren sich bei allem, was sie tun, locker und fröhlich, charmant und redegewandt. Andere wirken nervös, angespannt und innerlich getrieben; sie können plötzlich stark erregt sein oder Anfälle von panischer Angst bekommen.

Ob mit oder ohne manische Symptome, an ihrem Tiefpunkt angekommen, eint alle eines: Depressiv Erkrankte sind in ihrer seelischen und körperlichen Gesamtheit zutiefst getroffen, ohne dass die Ursachen immer fass- oder erklärbar wären. Per definitionem finden fundamentale Veränderungen im Verhalten, Erleben und in der körperlichen Vitalität statt, die länger als zwei Wochen die gesamte Wahrnehmung und alle Handlungen überschatten.

Im Verlauf der häufigsten Form der affektiven Störungen, der unipolaren Depression (Major Depression oder dysthyme Störung), wird praktisch jede Aktion von einer alles beherrschenden Stimmung diktiert. Gefühle der zutiefsten Traurig- und Trostlosigkeit, der Hoffnungs- und Hilflosigkeit bestehen annähernd jeden Tag und für die meiste Zeit des Tages.

Interessenverlust und die völlige Unfähigkeit zur Freude sind Kernaspekte für die Diagnose. Das bedeutet praktisch: Ein vorher umtriebiger Mensch kann seine Arbeit nicht mehr bewältigen; blockt alles ab, was bisher mit Lust und Genuss verbunden war, wird bewegungsarm, ruhig bis einsilbig – und zieht sich ins Bett zurück. Statt nachzudenken muss er grübeln. Statt sich zu erholen, ermüdet er durch ständige Zweifel an sich und der Welt. Hinzu kommen Appetit- und Schlaflosigkeit oder das Bedürfnis nach „Dauerschlaf“.

Schwer Erkrankte reagieren und sprechen nur sehr zögernd, antworten nicht auf gestellte Fragen, Gestik und Mimik wirken starr. Sie können nicht einmal mehr weinen, sie empfinden eine unendliche innere Leere.

Auf Familie und Freunde kann sich eine Depression verheerend auswirken. Viele stimmt die Hilflosigkeit des Kranken wütend und gereizt. Denn sie ahnen nichts von dem, was er erträgt.

 

Bei der Depression atmet die Seele
durch den Körper

António R. Damásio
Verpflechtungen entwirren

Um eine Depression zu verstehen, sollten die engen Verpflechtungen zwischen Körper und Kopf – zwischen Neurotransmitterstörungen, erlernten Verhaltensmustern, Lebenserfahrungen, Lebensbedingungen und Lebensgeschichte entwirrt werden. Der portugiesische Neurologe und Psychologe Prof. António R. Damásio, University of Southern California, hat es vor langer Zeit so zusammengefasst: „Bei der Depression atmet die Seele durch den Körper.“

Entscheidend ist das Zusammenspiel von biologischen und sozialen Mechanismen, die Megafaktoren heißen Vulnerabilität – Verletzbarkeit der Psyche – und Stress: Im Zusammenspiel von sozialen und biologischen Mechanismen kommt es zu Störungen in verschiedenen neuronalen Netzwerken.

Vulnerabilität lässt sich auch mit Dünnhäutigkeit übersetzen: Die Haut wird durchlässig, die Seele empfindsam, die Stressverarbeitung gestört. Die Zusammenhänge werden in der Psychiatrie unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst.

Äußere Ereignisse

Auslöser im Allgemeinen sind zumeist äußere Ereignisse – Situationen, in denen sich Aufgaben, Inhalte, Ziele ändern: unerfüllte Liebe, Familienkonflikte, Scheidung, Berufsstress, Arbeitslosigkeit und in der Folge soziale Isolation, Einsamkeit.

Im Besonderen sind die Lebenssituationen, in denen Depressionen gehäuft auftreten, je nach Geschlecht unterschiedlich. Während Frauen häufig im Rahmen von Belastungen im sozialen Umfeld und engen Beziehungen erkranken,
reagieren Männer eher auf reale oder phantasierte Bedrohung ihres Status.<3>

Die „typischen“ männlichen Patienten sind die im Beruf oder finanziell unter Druck Geratenen: Diese Männer empfinden begrenzte berufliche Aufstiegschancen, eine Entlassung, den Renteneintritt oder eine Scheidung als persönliche Kränkung. Es mangelt ihnen an der Fähigkeit, mit negativen Gefühlen adäquat umzugehen.

In einigen Fällen lassen sich organische Ursachen festmachen: Stoffwechselkrankheiten (Diabetes), degenerative
Erkrankungen (Demenz), Vergiftungen oder Drogenmissbrauch.

„Viele Menschen wissen einfach nicht mehr, wozu sie da sind,“ hat der Theologe und Existenzanalytiker Prof. Dr. Uwe Böschemeyer, Lüneburg, festgestellt.<4> „Das Leben ist zu vielfältig geworden um es zu überschauen. Es überbeansprucht die Menschen. Diese Überbeanspruchung führt zu einem Verlust an Tiefe.“

Depressionen gelten eher als weibliche Erkrankung mit einem Verhältnis 2 bis 3 Frauen zu einem Mann.<5> Doch Männer leiden unter seelischen Belastungen genauso wie Frauen. Nur sprechen sie nicht darüber und nehmen deutlich seltener Hilfe in Anspruch. Wahrscheinlich sind Depressionen bei Männern stark unterdiagnostiziert.

Männer scheinen Depressionen anders zu bewältigen, sie verbergen sie eher hinter Beschreibungen wie „Persönlichkeitsproblem“ oder „Ich trinke im Moment zu viel“. Interessant ist ein Blick in Kulturkreise, in denen Alkohol verpönt ist: Dort sind Männer und Frauen gleich oft depressiv.

 

Viele Menschen wissen einfach nicht mehr,
wozu sie da sind

Uwe Böschemeyer
Achtsamkeit, Bewegung, Ernährung als wichtige Elemente

Viele Studien belegen, dass die Praxis der Achtsamkeit eine wichtige Alternative zur Medikation bei einer Depression sein kann oder untertützend wirken kann. 

Das Konzept ist in der westlichen Welt ausgiebig wissenschaftlich untersucht worden und hat sich als kraftvoller, wirksamer Weg erwiesen, psychisches und körperliches Wohlbefinden herbeizuführen. Die in die Medizin implementierte Methode der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduduction, MBSR) wird mit Erfolg angewandt, um Menschen mit akuten und chronischen Schmerzen, Depressionen, Angstzuständen, Stresssyndromen und Suchtverhalten zu helfen.

Achtsamkeit ist gleichsam einer der Wege, wie wir die Plastizität unseres Gehirns vorteilhaft zur Stärkung unserer emotionalen Widerstandskraft, der Resilienz, einsetzen können.

In jüngerer Zeit wurde festgestellt, dass die Praxis der Achtsamkeit besonders förderlich ist, wenn es darum geht, das Rückfallrisiko bei depressionsanfälligen Menschen zu verringern. 

Achtsamkeit funktioniert, indem sie dazu anregt, das eigene Handeln zu hinterfragen und indem sie Muster durchbricht – den konditionierten Zyklus der Gedanken, Gefühle, Empfindungen und damit des Verhaltens, der die Menschen sonst in einer Abwärtsspirale gefangen hält.

Hinsichtlich sportlicher Aktivitäten gilt: Mit Ausnahme von palliativ behandelten Erkrankungen gibt es keine
Diagnose, die sich mit Bewegung – und einer bedarfsgerechten Ernährung – nicht dramatisch verbessern, deren Verlauf sich nicht positiv verändern ließe. Das ist auch für die Therapie von Depressionen seit langem bekannt.

Welche Sportart(en) individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden. Allgemein aber wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und Yoga zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Walking, leichtem Lauftraining, Radfahren, Wandern, Golf, Aquafitness.

Im Programm Slow.Flow.Glueck erhalten die Teilnehmer außerdem Informationen, wie sie langfristig ihr Training sinnvoll selbst gestalten können.

 

 

Quellen

1 DGPPN: Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen – neue Versorgungsansätze unverzichtbar.
Pressestatement Nr. 2 | 28.01.2015

2 Ledford, Heidi: Nature 2o14. 515: 182-184. DOI: 10.1038/515182a

3 Medizinisch-Psychosomatische Klinik Bad Arolsen/Schön Kliniken;
Presseinformation, 18.11.2009

4 Hörbst G, Leben auf der Überholspur. HA, 10/2000

5 Wolfersdorf M et al., Blickpunkt der Mann 2009; 7(4): 8-14

Wie die Seele mit dem Körper spricht

Im Guten wie im Bösen: Gedanken und Gefühle beeinflussen den gesamten Körper, genauer, das Immunsystem, welches mit einer Armada von mehr als zehn Millionen Abwehrzellstämmen der Schlüssel zu unserer Gesundheit und gewissermaßen unser innerer Arzt ist.

Größtes Immunorgan wiederum sind die Verdauungsorgane, dort sind etwa 80 Prozent aller Immunzellen des menschlichen Körpers angesiedelt, umgeben werden sie von einem Netzwerk aus über 100 Millionen Nervenzellen. Der Darm, auch „Bauchhirn“ genannt, kann alle lebenswichtigen Funktionen des Organs eigenständig regulieren. Die Anzahl der Botenstoffe im Bauchhirn und ihre Wirkweisen sind genauso kompliziert wie im Kopfhirn. 

Kein Wunder also, dass der Darm wie ein Seismograph auf Stress und andere psychische Belastungen reagiert. Es hat sich gezeigt, dass vielen Magen-Darm-Erkrankungen nicht nur eine gestörte Interaktion zwischen Bauchhirn und Kopfhirn zugrunde liegt, sondern Fehlfunktionen im Bauchhirn selbst. Das gilt beispielsweise für das Reizdarmsyndrom. 

Über die (biochemischen) Bedingungen und Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Immunsystem wurde noch vor 30 Jahren wild spekuliert, da zu wenig über die Kommunikationswege zwischen den großen Körpersystemen – dem Immun-, Nerven- und Hormonsystem – bekannt war.

Inzwischen ist längst messbar, wie die Seele mit dem Körper kommuniziert: Im Rahmen der Entwicklung der
Psychoneuroimmunologie (PNI) wurde bekannt, dass das zentrale Nervensystem – das Gehirn und Rückenmark – mit dem hochintelligenten Immunsystem über Nerven- und Hormonreize in Verbindung steht. Und umgekehrt.

Beschwerden sind Botschafter 

Das Ganze heißt psychosomatisches Netzwerk, dessen Existenz bildet die Grundlage für die Erforschung von Verhaltensweisen und die Wirkung auf das Immunsystem – und umgekehrt von Immunprozessen auf das Verhalten.

In der Psychosomatik steht jede körperliche Krankheit mit seelischen Vorgängen in Zusammenhang: Bei psycho-
somatischen Erkrankungen wandelt sich seelischer Schmerz in körperliche Symptome, sie sind Botschafter chronisch gewordener Konflikte und Defizite.

Auch akuter seelischer und körperlicher Stress beeinflussen die Funktionen der Körperabwehr: Die Nervenzellen des Gehirns können biochemische Substanzen (z. B. Hormone, Botenstoffe, Neuropeptide) produzieren, die dem Körper dazu verhelfen, effektiver Krankheiten zu verhindern.

Andererseits kann die Entstehung oder Verschlechterung von Krankheiten begünstigt werden. Diese lebhafte Kommunikation zwischen allen Systemen wird mit unterschiedlichen Messmethoden zum Beispiel aus der Hirn-, Stress- und Hormonforschung dargestellt.

 

Heilung ist die Umarmung dessen,
was wir am meisten fürchten
Jon Kabat-Zinn

 

Schaltstellen dieser Regelkreise sind das Gehirn mit der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und dem Zwischenhirn
(Hypothalamus), sind die Nebennieren und die Immunzellen selbst. Darüber hinaus können diese Regelkreise und Informationswege durch den Einfluss von Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen gesteuert und damit auch für die Heilung genutzt werden.

Umgekehrt beeinträchtigen unbewusste negative Gedanken- und Gefühlsmuster die Prozesse in dem Sinn, dass die Selbstheilung unterdrückt wird. Die Informationen, die übertragen werden, hängen vom jeweiligen emotionalen Zustand ab. Wir erinnern uns: Emotionen sind das, was uns bewegt – im Körper, in Gedanken, im Gefühl, zum Handeln.

Beste Ausdrucksform für das Handeln sind gute, achtsame Selbstgespräche und im Idealfall eine Art des
Miteinanders, die sich für alle Seiten als bereichernd erweist, da sie geprägt ist von “4 W”: Wohlwollen,
Wertschätzung, emotionale Wärme, kluge Worte.

Warum gutes Essen glücklich macht
und Liebe durch den Magen geht

Viele Wege führen zu diesem Ziel, Achtsamkeitsmeditationen und das Meridianklopfen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin sind zwei besonders wirksame. Das Besondere daran ist, dass sich durch Übung bisher ungenutzte Potenziale dem Bewusstsein erschließen.

Ebenso interessant ist, dass bei diesen Aktivitäten der Botenstoff Serotonin vermehrt ausgeschüttet wird, er ist im Gehirn mitverantwortlich für Glücksgefühle. Und: Über 90 Prozent des Körperserotonins wird in der Darmwand produziert, wo es die Aufrechterhaltung der normalen Darmfunktionen garantiert, indem es die Muskelbewegungen und die Sekretion von Verdauungssäften steuert.

Damit schließt sich ein Kreis: Wie neue Erkenntnisse zeigen, gibt es enge Verbindungen zwischen dem Serotonin-
spiegel und der Reizdarmproblematik.

Und wir verstehen endlich, warum gutes Essen glücklich und weniger gutes Essen – zu allem, was ohnehin bekannt ist – auch noch unfreundlich macht, und warum Liebe durch den Magen geht. Das ist zwar Stochern im Nebel, klingt aber so logisch, dass es lohnt, mal zu recherchieren.